Andere sehen zuerst meinen Rollstuhl. Ich nicht.
Jürgen auf dem Soester Marktplatz...Ich bin Jürgen Klug, Jahrgang 1966, geboren in Duisburg und seit 2002 in Soest zu Hause. Hier wurde mein Sohn geboren, hier lebe und arbeite ich, hier engagiere ich mich und von hier aus möchte ich in den Landtag von Nordrhein-Westfalen.
Ich bin von Geburt an behindert und seit mehr als 40 Jahren auf einen Rollstuhl angewiesen. Das gehört zu meinem Leben. Aber es definiert mich nicht.
Denn wir alle sind mehr als ein einzelnes Merkmal, eine Herkunft oder eine Zuschreibung.
Mein eigener Lebensweg hat mir allerdings früh gezeigt, dass es einen großen Unterschied macht, wie andere Menschen uns sehen und was sie uns zutrauen.
Wer ich bin
Als ich 1972 eingeschult wurde, war mein weiterer Weg scheinbar bereits vorgezeichnet. Ich kam in Duisburg auf eine damalige Sonderschule. Nicht, weil ich mich dafür entschieden hatte, sondern weil dies für ein Kind mit Behinderung als der vorgesehene Weg galt.
Erst zehn Jahre später wechselte ich auf eine integrative Schule in Köln und zog dafür in ein Internat nach Hürth. 1984 machte ich dort meine Mittlere Reife.
Danach empfahl man mir eine Ausbildung in einem Berufsbildungswerk für Menschen mit Behinderung.
Wieder schien klar zu sein, welcher Weg für mich vorgesehen war.
Aber diesmal entschied ich: Ich möchte selbst herausfinden, was ich kann und was ich aus meinem Leben machen will.
Diese Entscheidung prägt mich bis heute.
Warum Politik?
Jürgen mit seiner Gitarre...Eine der wichtigsten Erfahrungen meines Lebens machte ich als junger Mann in Berkeley in Kalifornien.
Mein Cousin studierte dort und ich wollte ihn besuchen. Das Problem: Mir fehlte das Geld für die Reise. Meine Eltern konnten mich finanziell nicht unterstützen und einen Ferienjob zu finden, war für einen jungen Menschen im Rollstuhl alles andere als einfach.
Also nutzte ich das, was ich konnte: Ich spielte Gitarre, sang und verdiente mir mit Straßenmusik in Düsseldorf und Köln das Geld für meinen Flug.
In Berkeley lernte ich das Center for Independent Living kennen. Ich traf Menschen mit Behinderung, die studierten, arbeiteten und selbstbestimmt lebten.
Für mich war das eine völlig neue Erfahrung.
Plötzlich begegnete ich Menschen, die mir etwas vorlebten, das ich aus Deutschland so kaum kannte: Ein Leben mit Behinderung musste nicht bedeuten, dass andere darüber entschieden, was möglich war.
Diese Begegnungen haben mein Denken verändert.
Zurück in Deutschland entschied ich mich, Erzieher zu werden. Meine damalige Sachbearbeiterin beim Arbeitsamt hielt diesen Plan für unrealistisch. Andere unterstützten mich, insbesondere meine Mutter und ein Pfarrer unserer Gemeinde, der mir einen Praktikumsplatz vermittelte.
Ich machte die Ausbildung.
Doch danach kam die nächste Barriere: Einen Erzieher im Rollstuhl wollte zunächst niemand einstellen.
Auch diese Erfahrung hat mich geprägt. Denn sie zeigt ein Problem, das bis heute existiert: Menschen mit Behinderung scheitern häufig nicht an ihren Fähigkeiten. Sie scheitern daran, was ihnen andere zutrauen und an Strukturen, die sie ausschließen.
Genau das möchte ich verändern.
Deshalb mache ich Politik.
Warum jetzt?
Jürgen im Gespräch...Wir haben in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten vieles erreicht. Barrierefreiheit und Inklusion werden heute anders diskutiert als noch in meiner Kindheit.
Aber wirkliche Teilhabe ist noch immer keine Selbstverständlichkeit.
Das merke ich in meinem eigenen Alltag.
Wenn ich mich mit Freunden treffen möchte, muss ich vorher recherchieren: Komme ich überhaupt hinein? Gibt es eine Toilette, die ich nutzen kann?
Bei Konzerten und Veranstaltungen gibt es inzwischen häufig Plätze für Menschen im Rollstuhl. Doch manchmal dürfen Freunde dort nicht mit sitzen. Dann bin ich zwar bei derselben Veranstaltung, aber eben doch nicht wirklich mittendrin.
Auch Freunde spontan zu Hause zu besuchen, ist häufig schwierig. Denn nur wenige Wohnungen sind barrierefrei.
Für Menschen ohne Behinderung sind das oft unsichtbare Hindernisse. Für Menschen mit Behinderung bestimmen sie den Alltag.
Besonders wichtig sind mir dabei Kinder und Jugendliche.
Denn junge Menschen brauchen Vorbilder.
Wie viele Menschen mit sichtbarer Behinderung sehen Kinder in Filmen und Serien, in der Kultur, in den Medien oder in der Politik?
Es werden mehr. Aber noch immer sind sie die Ausnahme.
Ich möchte, dass ein Kind im Rollstuhl Politikerinnen und Politiker sieht und nicht denkt:
„Das ist nichts für Menschen wie mich.“
Sondern:
„Warum eigentlich nicht ich?“
Denn Teilhabe bedeutet mehr als Barrierefreiheit. Es bedeutet auch, sich selbstverständlich als Teil dieser Gesellschaft zu fühlen.
Warum Landtag?
Jürgen auf dem Weg nach Düsseldorf...Ich habe in meinem Leben oft erlebt, dass andere Menschen eine Vorstellung davon hatten, was für mich möglich ist.
Die Sonderschule.
Das Berufsbildungswerk.
Der Beruf, den man mir nicht zutraute.
Der Arbeitsplatz, den ich zunächst nicht bekam.
Und die vielen kleinen und großen Barrieren, die bis heute zum Alltag gehören.
Ich habe aber auch erfahren, was passiert, wenn Menschen Möglichkeiten bekommen, ihren eigenen Weg zu gehen.
Genau deshalb möchte ich in den Landtag von Nordrhein-Westfalen.
Nicht, weil Menschen mit Behinderung eine besondere Behandlung brauchen.
Sondern weil sie die gleichen Möglichkeiten brauchen.
Ich möchte meine Erfahrungen dort einbringen, wo Entscheidungen getroffen werden, die das Leben von Millionen Menschen beeinflussen.
Dabei geht es mir nicht darum, Politik für Menschen mit Behinderung zu machen.
Menschen mit Behinderung müssen selbst Politik machen, mitentscheiden und sichtbar sein.
Deshalb kandidiere ich für den Landtag.
Ich möchte dazu beitragen, dass junge Menschen, mit oder ohne Behinderung, unabhängig von Herkunft oder sozialem Hintergrund, erleben, dass ihnen Wege offenstehen.
Dass sie ihre eigenen Entscheidungen treffen können.
Dass ihnen etwas zugetraut wird.
Und dass sie ihren Platz in unserer Gesellschaft nicht erst einfordern müssen.
Meine Behinderung gehört zu meinem Leben. Sie hat mir Erfahrungen gegeben, die meine Sicht auf Politik prägen.
Aber sie definiert mich nicht.
Andere sehen vielleicht zuerst meinen Rollstuhl. Ich sehe den Menschen.
Und ich möchte Politik für eine Gesellschaft machen, die genau das auch tut.
Ihr Jürgen Klug